Geburtsvorbereitungskurs online

Wie vor dem Hintergrund der Corona-Krise alltägliches Leben ins Netz wandert – ein Erfahrungsbericht

Am Freitag, dem 13.03.20 untersagte die Stadt Bayreuth alle öffentlichen Veranstaltungen, beginnend am 16.03.20. An eben diesem Montag, dem 16.03.20 kommt dann auch aus München der landesweite Shutdown. Und jetzt? Was tun, wenn doch am Montagabend im lokalen Hackerspace ein Workshop geplant war? Auf den könnte man ja noch gut verzichten. Ebenso auf den VHS-Sprachkurs, dessen offizielle Absage prompt hereinflatterte. Lernt man halt später im Jahr weiter Spanisch. Was soll’s. Aber ist Verzicht auch so akzeptabel, wenn es den Geburtsvorbereitungskurs betrifft, der am Dienstagabend stattfinden sollte, der dritte Abend von nur sechs geplanten? Und in dem werdende Mütter, alles Erstgebärende und manche gar nicht mehr so weit weg vom geplanten Entbindungstermin, wichtige Informationen für die bevorstehenden Ereignisse bekommen sollten?

Was tun? Online, wäre eine Variante. Aber wie bekommt man innerhalb von ein, zwei Tagen das alles hin? Technisch, organisatorisch? Okay, ich habe dienstlich täglich mit Telefon- und Videokonferenzen zu tun, meist bei WebEx oder Teams. Aber nerven nicht all die dienstlichen Telkos schon immer mit grausamer Qualität und abbrechenden Verbindungen? Und kann man den Teilnehmerinnen zumuten, jetzt ad hoc hier und da Accounts anzulegen, oder der Kursleiterin, Geld für Zugang zu kommerziellen Produkten auszugeben?

„Da gibt es doch was mit FOSS (Free and Open Source Software)“? fragte ich mich. Und richtig, da ist WebRTC. Eine Technologie, die in jedem gängigen Browser verbaut ist. Und wie so oft in der Open-Software-Welt heutzutage, hat sich eine Firma einer solchen Technologie angenommen und sie einerseits für sich selbst zur Marktreife, andererseits aber auch zu einem frei nutzbaren Open-Source-Projekt, Jitsi, weiterentwickelt.

Ich hatte schon ab und zu mit dem freien Videokonferenz-Service https://meet.jit.si gespielt, es auch für ein, zwei echte Sitzungen genutzt. Im Browser ist es lediglich das Aufrufen einer URL, z.B. https://meet.jit.si/meinevideokonferenz. Der Name der Konferenz hinter dem Schrägstrich ist dabei frei wählbar. Und am Handy existieren Apps, in die man entweder den Konferenznamen eintippt oder auch nur auf obige URL klickt. Kurz mit Freiwilligen (meinen Eltern) geübt, Praxistest bestanden!

Also stand mein Entschluss fest, der Hebamme vorzuschlagen, den Kurs einfach online fortzuführen. Ich rief sie an und ich hatte bisher wohl selten so sehr das Gefühl, bei jemandem derart offene Türen einzurennen. Sie hatte bereits begonnen, ihr Curriculum so zu umzustrukturieren, dass sie es den Teilnehmerinnen zusenden konnten. Und mein Vorschlag war nun das fehlende Puzzleteil. Also einigten wir uns, dass ich die wenigen Angaben zur Benutzung zusammenfasse und ihr zuschicke, auf dass sie sie per Mail verteilen könne.

48 Stunden später saßen 11 Teilnehmerinnen und eine Kursleiterin vor ihren Laptops und Handies. Manche mit Video, manche Audio-only. Alle bequem zu Hause, mit ihrer Lieblings-Teetasse oder einer großen Schüssel Eiscreme, hier und da auch mit ihrem Partner. Und alles funktionierte auf Anhieb.

Ich hatte mir zuvor wirklich zu viele Gedanken gemacht. Über das mögliche unterschiedliche Level an Erfahrung mit Webkonferenzen. Über störende Hintergrundgeräusche wegen nicht-stummgeschalteter Mikrofone. Über Koppeln und Echos. Über Bandbreite, Ruckeln und Stottern. Darüber, dass meet.jit.si unter dem aktuellen Ansturm eventuell Verfügbarkeitsprobleme haben könnte und man die Teilnehmerinnen nicht mal eben in fünf Minuten zum nächsten System umziehen könnte. Alle meine Bedenken waren unbegründet. Es hat einfach nur funktioniert.

Begeistert von diesem Erfolg und voller Elan, in ganz Europa Menschen in dieser Situation helfen zu wollen (und ein ganz kleines bisschen immer noch in Sorge, dass meet.jit.si doch noch irgendwann Performanceengpässe bekommen könnte) habe ich zwei Tage später meinen eigenen Jitsi-Server aufgesetzt und zur freien Nutzung angeboten (danke an dieser Stelle auch dem Impuls von golem.de). Also, falls jemand in diesen Tagen seinen VHS-Kurs retten oder vielleicht ein Familientreffen mit Enkeln und Großeltern machen möchte: Unter https://meet.domov.de steht eine weitere Instanz zur freien Verfügung.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.