Wie Corona den Lehrerberuf verändert – ein Erfahrungsbericht

Es ist Mittwoch, der 24.03.2020. Seit nunmehr eineinhalb Wochen bin ich gezwungen, meinen Beruf von zu Hause auszuführen. Eine Zeit, die sich als echte Herausforderung darstellen sollte. Denn neben meiner eigentlichen Tätigkeit als Lehrer, kümmere ich mich zurzeit tagsüber um meine 5-jährige Tochter. Mir war klar, dass die Schließung der Kindergärten mit einer Schließung der Schulen einhergehen wird. Aber kann man sich darauf vorbereiten? Ist es möglich einen Wochenplan mit Kind zu erstellen, wenn alle öffentlichen Einrichtungen, wie Spielplätze, Schwimmbäder oder Kinos geschlossen haben? Nein, natürlich nicht. Denn den Kopf eines Kindes kann man nicht planen.

Ich habe den Vorteil, an einer Schule zu arbeiten, die seit nunmehr sechs Jahren an einer Digitalisierung des Unterrichts arbeitet. Etwa dreiviertel unserer Schüler besitzen ein eigenes Tablet. Alle unsere Klassenräume und Fachräume sind mit Flachbildschirmen und Apple Tv’s ausgestattet. Das WLAN funktioniert flächendeckend im gesamten Schulkomplex. Wir arbeiten mit SDUI, einer Plattform zur datenschutzgerechten Kommunikation zwischen Lehrern, Eltern und Schülern. Die administrative Verwaltung dieser App innerhalb der Schule läuft durch mich. Eine Arbeit, die immer wieder neue Herausforderungen mit sich bringt.

Heute schickte ich meinem Schulleiter eine Nachricht, von der ich nicht erwartet hatte, sie jemals zu verfassen:
„Homeoffice mit Kind…ich gebe mein bestes. Aber ehrlich! Unmengen an bürokratischem Aufwand. Die meiste Zeit geht Abends drauf. Tagsüber ist man damit beschäftigt, unzählige Fragen und Anliegen von Eltern und Schülern zu beantworten, und am besten live, innerhalb weniger Minuten. Und wehe mein Kind will was von mir. ICH WILL ZURÜCK AN MEINEN ARBEITSPLATZ!“

Zu Beginn der Schulschließungen verlief alles wie geplant. Alle Lehrer befassten sich am Wochenende mit den Materialien der nächsten drei Schulwochen. Montag dann Dienstversammlung und erste Anweisungen. Das Versenden der Arbeitsanweisungen an alle Schülerinnen und Schüler mit Tablet verlief weitgehend unproblematisch über unsere Plattform SDUI.

Was passierte aber mit Klassen ohne Tablet? Natürlich! Es mussten Kopien angefertigt werden. Und zwar fast 8000 Stück. Nicht auszumalen was wir hätten kopieren müssen, wenn nicht 8, sondern 17 Klassen Kopien erhalten hätten. Ein Hoch auf unsere Digitalisierung.
Lasst mich einen positiven Rückblick auf die letzten Tage werfen. Emails, Kommunikationsplattformen, Chats, Apps, Videos, Webseiten, Animationen, Präsentationen, Bilder, Konferenzen, Vernetzungen, Lernprogramme, Youtube, Weiterbildungsplattformen, Internetrecherchen…

Moment, meine Tochter setzt gerade das Carport unter Wasser, damit alle Steine dunkler sind!

…wo war ich stehen geblieben?

…Plakate, Handy, Tablet, Laptop, PC, Lesebestätigungen, Push-Nachrichten. All das sind Herausforderungen, denen nicht nur ich mich stellen muss. Schüler und vor allem ihre Eltern verstehen plötzlich, was es bedeutet, digital zu arbeiten. Die Schüler sind sehr euphorisch und erledigen ihre Aufgaben gut. Es macht ihnen Spaß, von zu Hause aus zu arbeiten und jedes Hilfsmittel nutzen zu können. Die Älteren darunter können selbstständig und strukturiert arbeiten. Sie kennen sich mit ihren Medien und Möglichkeiten aus und liefern interessante Ergebnisse ab. Sie nutzen Lernapps, die ich euch gerne vorstellen möchte.

Quizlet (kostenlos)

Mit dieser App kann man mit Hilfe von Karteikarten den Lernstoff üben. Lehrer und auch Schüler können eigene Lernsets erstellen oder aus Millionen von Lernsets Inhalte auswählen. Tolle Features sind Gedächtnistraining, Zuordnen gegen die Zeit, Spiele gegen Klassenkameraden oder den eigenen Lehrer und die Möglichkeit viele Fächer abzudecken (Fremdsprachen, Mathe, Naturwissenschaften, Geschichte, Coden, uvm).

Socrative (kostenlos)

Mit Socrative lassen sich Aktivitäten für Schüler fächerübergreifend erstellen. Lehrer können hier eigene Räume erstellen und Schülern Lernstoff in Form von Quizzes, Schnellfragerunden, Feedbackbögen oder dem Spiel Space Race zur Verfügung stellen. Es ist kein Account der Schüler notwendig.

Kahoot (kostenlos)

Mit kahoot können ebenfalls Quizzes und Challenges in wenigen Minuten erstellt werden. Diese kann man sehr gut als Hausaufgaben aufgeben und direkt in der App bewerten. Klassen können in Echtzeit gegeneinander antreten. Es sind Millionen von Challenges bereits online vorhanden

Edkimo (kostenlos)

Edkimo ist eine Feedback App, mit der Evaluation im Lernprozess schnell umgesetzt werden kann. Die schnelle und anonyme Rückmeldung kann im Anschluss direkt diskutiert werden. Edkimo bietet viele vorgefertigte Feedback Bögen.

Quizizz (kostenlos)

Auch diese App bietet jede Menge Lernstoff für jedes Alter in den Fächern Mathe, Englisch, Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie, Allgemeinbildung u.v.m. in Form von Quizzes.

Padlet (kostenlos)

Padlet bietet eine tolle Plattform zur Erstellung von Projekten. Es wird mit einer leeren Seite gestartet und man kann alles erdenklich digitale grafisch sehr toll gestaltet auf diese Seite bringen. Per Drag and Drop können Videos, Links, Bilder, Interviews, Selfies, Texte oder Dokumente dargestellt werden. In Echtzeit, können diese Inhalte mit anderen geteilt und bearbeitet werden.

Mentimeter.com

Auf dieser Internetseite lassen sich tolle word clouds zu einem Thema erstellen. Diese werden innerhalb einer Gruppe in Echtzeit erstellt, je nachdem, wie oft eine Antwort vorkommt. Ein tolles Tool zur Echtzeitüberprüfung von Gelerntem oder Vorwissen.


Ich hoffe, dass mein kurzer Einblick in meinen derzeitigen Alltag euch weiterhin darin bestärken wird, digital zu arbeiten. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Lasst uns das Rad nicht neu erfinden, sondern lasst uns mit dem arbeiten, was wir haben und woran unsere Kinder Spaß haben. Und das wichtigste dabei ist immer, sich Schwächen den Jüngeren gegenüber eingestehen zu können. Es gibt nichts Schöneres für einen Jugendlichen, als einem Lehrer oder allgemein einem Erwachsenen Dinge erklären zu können. Digitalisierung heißt Veränderung und Herausforderung für digital immigrants und Verantwortung, Pflichterfüllung und Hingabe für digital natives.

2 Comments

  1. Sandra

    Das hast du schön geschrieben! 👍 Leider sind wir mit der Digitalisierung noch nicht ganz so weit wie ihr, weshalb viele von uns in den vergangenen 2 Wochen etwas ins Straucheln gekommen sind, als es um die digitale „Versorgung“ unserer Schüler ging! Aber… wir waren stets bemüht! 😊
    Viele Grüße aus der alten Heimat…

    1. jansky284

      Vielen Dank für dein Feedback! Sei froh, dass einige jetzt merken wo die Schwachstellen liegen. Wenn alles vorbei ist, wird es besser laufen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.